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was aus dem Stehgreif zaubern

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Ein vollmundiges Versprechen – pikanter Weise im doppelten Sinne des Wortes. Zwei Damen veranstalten in Berlin eine in anlockender Marketing-Hülse geblasene so genannte Spritzsession, bei der man als Mann einfach erscheinen solle, gemütlich einen Blowjob verabreicht bekomme, um dann seinen milchigen Erregungsnachweis auf einer der lippen- und zungenbegabten Damen zu platzieren – gern gesehen auf Gesicht, Mund oder Körper. Ein professionelles Kamerateam dreht das Geschehen seelenruhig mit. Und ein ebenso professioneller Vertrieb schickt die Bilder später via Internet um die ganze Welt. Jeder teilnehmende Mann avanciert damit freiwillig und honorarfrei zum Amateur-Pornostar, zum Öffentlichkeits-Ejakulierer, zum Sperma-Schnellimbisslieferant. Der „kommende“ Herr muss dabei nicht mal besonders fotogen sein, denn schielende Augenpaare, verschwitzte Haupthaare und unreine Akne-Gesichter erfasst die Kameralinse nicht. Ihr Fokus bei den Mit-„Gliedern“ des Filmes liegt ein Ideechen tiefer. Hauptdarsteller sind die fliegenden Samensekrete, Nebendarstellerinnen sind die weiblichen Trefferflächen. Nichts Ungewöhnliches für einen Pornofilm.

Die Residenz der Produktionsfirma liegt im mit negativem Image behafteten Berliner Lichtenberg, in einem sehr schnieken, orangefarben angepinselten Altbau, der auf drei Etagen drei Einnahmequellen Wohnhaft schenkt: der Server-Administration, der Event-Organisation samt Telefonhotline und den Gästezimmern. Letzteres tituliert etwas vornehmer die stundenweise Raumvermietung, in denen die Frauen, die vorher in den körperbetonten Filmen zu sehen waren, für den kleinen Mann von der Straße für große Escort-Gage ihr
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e zwischenbeinlichen Qualitäten zur temporären Benutzung bloßstellen. Wie würden Sie sich die Betreiber und Akteure eines solchen Events vorstellen? Glauben Sie, dass psychologisches Einfühlungsvermögen, Herzensbildung und ehrliche Kommunikation ihren Berufsalltag dominieren? Das hier Kunden ihre Sexualität ausleben dürfen, denen ansonsten ihre Einsamkeit im Wege steht? Das hier Männer gerade der besonderen Vorliebe frönen, die sie ihrer Frau niemals anzuvertrauen wagten? Das sich hier bauchansatzmitschleppende Berufstätige in einem düsteren Veranstaltungshinterhof treffen, die Schlips, Kragen sowie ein dickes Portemonnaie mit sich tragen und locker neben müffelnden Hartz-IV-Empfängern im T-Shirt auf ihren erleichternden Einsatz warten?

Essen, Trinken, Schlafen und Sexualität sind die Verbindungsstränge zwischen allen Menschen, egal wie schön oder wie reich sie auch immer sein mögen. Irgendwie hat das ja was Tröstliches.

Ich meldete mich zum Event an einem Montag um 16:00 Uhr an. Ich erscheine frisch geduscht, gut gelaunt und mit ein wenig Angst in den Knochen. Aber das gehört wohl unweigerlich dazu.

Am Einlass sitzt ein stämmiger Mann im Schlabber-T-Shirt, der mich in aufrichtiger Unterkühltheit begrüßt, mir eine Vereinsmitgliedschaft ans Herz legt und das entsprechende Entgelt einfordert. Drinnen im engen Veranstaltungsraum dominiert die Farbe rot. Auf zwei Monitoren über der Bar läuft ein aktueller Berliner Pornofilm, deren Akteure doch tatsächlich in eben dieser ominösen Stätte hier ihr berufliches Tagewerk verrichten. Eine Frau sitzt mit hochhackigen Stiefeln und eng anliegender Garderobe fast gelangweilt auf einem
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der Barhocker, richtet ihr Brillengestell aus Fensterglas und findet es nicht zwingend erforderlich, die nur kleckerweise eintrudelnden Herrschaften eines Blickes zu würdigen. Im Hintergrund spielt ein Discjockey in erhöhter Lautstärke Technobeats mit allenfalls dezentem melodiösem Unterbau. Der abgedunkelte Raum erhält durch die Single-Männer, die jeder für sich alleine in irgendeiner Ecke sitzen, sich nicht ansehen und nichts sagen, eine gespenstische Atmosphäre. Sie wirken wie bestellt und nicht abgeholt.

Die attraktive Barfrau mit Arschgeweih-Tätowierung überm Steißbein serviert fröhlich Bier, Cola und Selters, wobei man aufgrund des Lärms, also der sich ziemlich in den Vordergrund drängenden musikalischen Hintergrundmusik, den Preis des bestellten Getränkes erst erfährt, wenn die Tresenkraft ihn einem quasi direkt ins Ohr geschrieen hat. Damit ist sie die erste Frau des Abends, die einem etwas näher kommt … beziehungsweise überhaupt mal was sagt.

Gut eine halbe Stunde später begibt sich die glasfensterbebrillte Cindy auf ein schwarzes Matratzenkonstrukt. Bislang haben die anwesenden Männer bestenfalls Selbstgespräche geführt und nicht mal als Cindy, dem Anlass des Treffens gemäß, zum Auftrittsort schlendert, braucht es offensichtlich Worte. Kameramann Dennis schaltet sein grelles Licht, was neben der Linse integriert ist, ein und gibt damit quasi per unübersehbaren optischen Signal den Startschuss zum Spritzevent. Einige der anwesenden Herren befreien sich schnell von ihren Klamotten, andere öffnen nur ihren Hosenstall, fummeln ihren persönlichen Hauptdarsteller in Kampfesstellung und sind auf schnelle Erleichterung aus. Cin
HeisseJessy
dy nimmt sich ihrer an – Mann für Mann, wie ein Uhrwerk. Auf die typischen rhythmischen Handbewegungen versteht sie sich exzellent, währenddessen die Mundarbeit mit wenig Enthusiasmus vollzogen wird. Das macht aber offensichtlich gar nichts. Reihenweise übergeben sich die strammen Hauptdarsteller mit weißen Eruptionen, die mit wohlwollenden Lauten Cindys goutiert werden. Sowohl die Hose des Kameramanns wird getroffen, als auch die Schienenbeine der Spritzkollegen auf der gegenüberliegenden Seite. Kein Wunder, denn alle Herren stehen dicht an dicht, benutzen manchmal sogar ihre Ellenbogen, um endlich in den kurzen Genuss der angestrebten Mundverwöhnung zu kommen.

Es dürften so zwanzig Minuten vergangen sein, als sich Cindy in der Dusche des Veranstaltungsortes die virilen Spuren abwäscht, wohingegen die Männer wieder brav von den anderen Geschlechtsgenossen separiert einzeln in sich zusammengesunken auf Sitzbänken kauern. Es geht eine ungeheuere Traurigkeit von der Szenerie aus.

Das fast exakt gleiche Spielchen wiederholt sich in den nächsten drei Stunden noch fünf mal, wobei sich eine rothaarige Mutti aus Leipzig mit Cindy abwechselt, die sich zuvor mit einem Bier gestärkt hat und mit ihrem Freund angereist kam. Der agiert in der nächsten Bukkake-Runde als dreiundfünfzigstes Mitglied bei seiner Frau mit, die von allen Männern in höchsten Tönen für ihre Blaskünste gelobt wird. Als ein noch recht junger Mann von ihr zwischen die Beine gefasst wird, verlässt alles Blut seinen Penis. „Schalt mal die Kamera aus, Dennis, das ist sein erstes Mal.“ Aber trotz Sonderbehandlung will es dem oralen Talent einfach nicht gelinge
US-Swinggirl
n wieder Leben in sein Stehaufmännchen zu blasen, woraufhin er die Sache für beendet erklärt. „War ein Versuch von mir, weißte?“ Mir hingegen wurde sehr schnell mein weißes Gold ans Tageslicht befördert und den anderen ging es ähnlich.

In den Pausen, die gefüllt waren mit dieser unablässig dröhnenden Musik und stickiger Luft, griff erneut die große Einsamkeitskeule um sich – eine Art kollektive Depression der Herren. Ich hingeben suchte das Gespräch mit einem Swinger-Pärchen, was den Abend nur als Zaungast beiwohnte. Insbesondere mit dem Mann ergab sich ein sehr lebhaftes, sehr kenntnisreiches Gespräch über Sexualität, das voller beiderseitigem Respekt und sicher sogar von ein klein wenig Sympathie geprägt war. Über Internetforen wurde gefachsimpelt, wie man selbst seine Form der Sexualität gefunden hat und welche Schwierigkeiten dazu überwunden werden mussten. Jeder der darüber schreibt und versäumt zu erwähnen, wie viel Mut man braucht, wie viel Lernbereitschaft und wie viel Selbstreflexion, begibt sich auf das marktschreierische, sensationslüsterne Niveau des Boulevards, das so wenig die Wirklichkeit abbildet.

Mit einem Spritzkollegen trinke ich an der Bar noch eine Cola und wir erzählen uns gegenseitig, welche Ausreden wir für unsere Frauen daheim kreiert haben, damit wir hier sein konnten. Und wir stellen überrascht fest: die meisten Bukkaker nehmen an dieser sexuellen Eigenart nur eine kurze Lebensphase teil. Es bleibt bei einem Wunsch, der mit der Zeit verblasst. Das aus Japan stammende Bukkake, also die Gesichtsbes*mung, scheint weder als abendfüllendes Programm noch als Entwicklungsendpunkt der eigenen Sexualität geeignet. Machen wir so was in zehn Jahren noch? Wir verneinen beide.

Wir verabschieden uns von der Leipzigerin, die noch zweihundert Kilometer mit dem Auto in Richtung Heimat vor sich hat und sich dafür erst mal beim Thailänder stärken geht. Der eiweißlastige Drink der 53 Herren wäre ja auch eine medizinisch unverantwortliche einseitige Ernährung. Wir betreten sodann die Straße und abrupt stellt sich eine unendliche Dankbarkeit ein: kein Lärm mehr und die Luft ist auch besser.

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